01Das Los, das niemand gezogen hat
Zur selben Stunde, irgendwo auf der Welt, kommen zwei Kinder zur Welt. Beide haben nichts getan, nichts verdient, nichts verschuldet. Sie sind einfach da. Und während sie noch schreien, in dieser ersten Minute ihres Lebens, soll schon fast alles über sie entschieden sein.
Was zwischen ihnen liegt, ist kein Unterschied in Würde, Talent oder Wert. Es ist eine Linie auf einer Landkarte, die keines von beiden gezogen hat, über die keines je abstimmen durfte. Und doch wird sie die wichtigste Weiche in beider Leben sein, entscheidender als Fleiß, Intelligenz und Charakter.
Der Unterschied wird nicht geboren. Er wird gemacht, in Gesetze gegossen, in Grenzanlagen gebaut, mit Papieren und Stempeln verwaltet. Was Menschen gebaut haben, können Menschen auch wieder abbauen.
Beide haben nichts getan, nichts verdient, nichts verschuldet. Sie sind einfach da.
02Der größte Faktor deines Lebens ist eine Postleitzahl, die du nicht gewählt hast
Wer globale Ungleichheit misst, kommt zu einem unbequemen Befund: Allein das Land, in dem jemand geboren wird, erklärt mehr als die Hälfte der Unterschiede beim weltweiten Einkommen. Mehr als die Hälfte, nicht Bildung, nicht Fleiß, nicht Talent. Die Postleitzahl des Kreißsaals.
Die Lebenserwartung erzählt dieselbe Geschichte, nur drastischer. In den gesündesten Ländern werden Menschen im Schnitt über achtzig Jahre alt, in den ärmsten oft nur etwa sechzig oder darunter. Das sind Jahrzehnte, die ein Kind hat oder nicht hat, je nachdem, wo seine Mutter zufällig in den Wehen lag.
Wir glauben gern an das Märchen der reinen Leistungsgesellschaft, weil es beruhigend ist. Aber bei ehrlicher Rechnung war die wichtigste Leistung für die meisten von uns, die in wohlhabenden Ländern groß werden, am richtigen Ort geboren zu sein. Das heißt nicht, dass wir schlechte Menschen sind, nur, dass das Märchen so nicht stimmt. Und es lohnt zu fragen, wer es erzählt, denn wer den eigenen Vorsprung Leistung nennt, muss ihn nicht teilen.
Die wichtigste Leistung für die meisten von uns war: am richtigen Ort geboren zu sein.
03Grenzen sind keine Berge, sie sind Entscheidungen
Es gibt einen hartnäckigen Irrtum über Grenzen: dass sie irgendwie natürlich seien. Die meisten sind jedoch Linien, die Menschen gezogen haben, oft Mächtige, oft nach Kriegen, oft nach Verhandlungen, bei denen die Betroffenen nicht am Tisch saßen. In der Kolonialzeit wurden ganze Kontinente am Reißbrett aufgeteilt, quer durch Sprachen, Familien und Landschaften.
Grenzen sind also nicht Natur. Sie sind Geschichte und können sich ändern. Was als Naturgesetz erscheint, hier drinnen, dort draußen, hier Recht, dort kein Recht, ist in Wahrheit eine Regel, die mit Polizei, Zäunen, Abschiebungen und manchmal mit Waffen durchgesetzt wird.
Wäre es wirklich Natur, bräuchte es keinen Aufwand. Natur setzt sich selbst durch, Regeln brauchen Vollstreckung. Und wenn etwas eine Entscheidung war und keine Naturgewalt, dann ist die ehrliche Frage: Wem nützt es, dass es so bleibt?
Natur setzt sich von selbst durch. Was Vollstreckung braucht, ist keine Natur, es ist eine Regel.
04Ein Pass ist geerbtes Eigentum, wie ein Adelstitel
Eine Staatsbürgerschaft bekommt man fast immer durch Geburt, man hat sich nicht beworben, keine Leistung erbracht, man lag einfach dort, wo man lag. Und doch entscheidet das fast alles: Die stärksten Pässe öffnen visafrei rund 190 Länder oder mehr, die schwächsten oft nur etwa 25 bis 30. Derselbe Mensch, dieselbe Qualifikation, aber anderer Pass. Tür auf oder Tür zu.
Das ist wie ein Adelstitel, ein vererbtes Privileg: Er bestimmte, welche Rechte man hatte, wohin man durfte, wer man vor dem Gesetz war. Wir haben diese Erbprivilegien irgendwann für ungerecht erklärt und abgeschafft. Die Idee dahinter: Jemanden bevorzugen, weil er in die richtige Familie hineingeboren wurde, ist kein Verdienst, auf dem Rechte ruhen können.
Beim Pass akzeptieren wir exakt dasselbe Prinzip. Das ist keine Anklage gegen Menschen mit einem starken Pass, es wäre absurd, jemanden für einen Umstand zu verurteilen, den er nicht gewählt hat. Es ist eine Frage an die Regel selbst: Wir haben den Adel abgeschafft und das Erbprivileg des Passes eingeführt, wir haben es nur nicht so genannt.
Den Adel haben wir abgeschafft. Den Gedanken dahinter haben wir behalten und 'Pass' dazu gesagt.
05Wenn ein Mensch wie du nicht bleiben darf
Stell dir die Nachbarin vor, die seit zehn Jahren in der Stadt lebt, die Sprache spricht, ihre Kinder zur Schule bringt, und trotzdem gehen soll, weil ein Stempel fehlt. Oder den Kollegen, der dieselbe Arbeit macht, dieselbe Miete zahlt und nachts Angst hat vor dem Brief, der ihn herausreißen kann aus dem Leben, das er sich aufgebaut hat.
Es geht selten um 'die Fremden' im Abstrakten, sondern um konkrete Menschen, die längst dazugehören und denen das Dazugehören verweigert wird, die Steuern zahlen, ohne alle Rechte zu haben. Der einzige greifbare Unterschied zwischen 'darf bleiben' und 'muss gehen' ist oft ein einziger Umstand: wo die Mutter zufällig im Kreißsaal lag.
Wenn man das an einem echten Gesicht sieht, wird aus 'Regeln sind nun mal Regeln' eine unbequeme Frage: Welche Regel ist das, und wer hat sie wofür gemacht? Die meisten entstanden aus Angst und Bequemlichkeit. Aber gute Absichten machen schlechte Regeln nicht gerecht.
Zwischen 'darf bleiben' und 'muss gehen' liegt oft nur ein Zufall: wo die Mutter lag.
06Wem die Linie wirklich nützt
Grenzen werden als Schutz verkauft. Aber schau genauer hin: Arbeitskraft bleibt dort billig, wo sie nicht ausweichen kann. Ein Mensch ohne Papiere, der jederzeit abgeschoben werden kann, beschwert sich nicht über den Lohn, meldet keinen Arbeitsunfall, ruft keine Gewerkschaft. Die Drohung 'sonst fliegst du raus' ist eines der wirksamsten Druckmittel eines Arbeitgebers, und sie funktioniert genau wegen der Linie auf der Karte. Das ist kein Zufall, das ist eine Funktion.
Grenzen teilen nicht nur Länder. Sie teilen auch die Menschen, die alle wenig haben, und sagen ihnen: Ihr seid Konkurrenten, schaut aufeinander mit Misstrauen. Und während sie das tun, fragt kaum jemand, wer die Löhne so niedrig hält, wer die Wohnungen so teuer macht, wer das Sozialsystem so eng werden ließ.
Angst vor 'den anderen' lenkt den Ärger über das eigene knappe Leben auf die, die noch weniger haben, statt auf die Ordnung, die diese Knappheit produziert. Wer Menschen gegeneinander aufbringen kann, muss viel weniger erklären, warum so vieles so ungleich verteilt ist.
Wer uns gegeneinander aufbringt, muss nicht mehr erklären, warum so wenige so viel haben.
07Es ginge auch ohne Herren über das Bleiben
Stell dir eine Welt vor, in der das Recht zu leben und zu bleiben kein Geschenk einer Behörde ist, keine Gnade, die man erbetteln muss. Das klingt radikal. Aber innerhalb vieler Länder gilt genau das schon: Du kannst von München nach Hamburg ziehen, ohne zu fragen. Innerhalb der EU ist das größer ausgedehnt worden, Hunderte Millionen Menschen machen davon Gebrauch, ganz selbstverständlich, ohne Drama.
Solidarität heißt nicht, dass alle gleich werden. Es heißt, dass niemand um Erlaubnis betteln muss, da sein zu dürfen, wo er sein Leben aufgebaut hat. Dass Menschen nicht in Rechtlosigkeit gehalten werden, damit sie billiger ausgebeutet werden können. Dass die Frage 'Wo bist du geboren?' nicht über das Recht entscheidet, ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Das ist der Kern dieser Idee: möglichst wenig Herrschaft von Menschen über Menschen. Nicht keine Regeln, sondern Regeln, die auf Vereinbarung beruhen statt auf Stempeln und Mauern, über die die Betroffenen mitentscheiden. Eine Gesellschaft ohne die Regel, die Menschen nach Geburtsort sortiert, wäre nicht regellos. Sie hätte nur eine Regel weniger, und zwar eine, die keinen moralischen Grund hat. Es ist am Ende dieselbe Frage wie bei der Miete und beim Lohn: Sollen wenige bestimmen dürfen, wo ein anderer leben, arbeiten und bleiben darf? Oder regeln das die Menschen miteinander, auf Augenhöhe, ohne dass ein Stempel über ein ganzes Leben entscheidet?
Nicht keine Regeln. Regeln, denen alle zustimmen, nicht solche, in die man hineingeboren wird.
08Gleich geboren bleibt gleich geboren
Wir kamen alle gleich zur Welt. Ohne Pass. Ohne Verdienst. Ohne Schuld. Alles, was danach kommt, wer hereindarf, wer draußen bleibt, wem etwas erlaubt ist und wem nicht, das haben Menschen gemacht. Also können Menschen es auch ändern.
Schon die Sprache macht einen Unterschied. 'Die Illegalen' macht Menschen zu Kategorien. Aber ein Mensch kann nicht illegal sein, er kann sich nur in einer illegal gemachten Situation befinden. Und werde misstrauisch, wenn jemand einredet, die ganz unten seien schuld am knappen Leben: Frag dann, wer den Lohn so niedrig hält, wer an den Mieten verdient, wem es nützt, dass wir auf die schauen, die noch weniger haben.
Eine gerechtere Welt verlangt nicht, dass wir Heilige werden. Sie verlangt nur eins: aufhören, eine Linie auf der Karte für ein Naturgesetz zu halten. Die beste Idee ist am Ende ziemlich unspektakulär: Behandle den Menschen neben dir, als wäre er gleich viel wert wie du, weil er es ist. Nicht weil er denselben Pass hat, sondern weil er ein Mensch ist und du auch.
Gleich geboren. Was daraus folgt, liegt an uns.
Wir haben als Menschheit schon Dinge geändert, von denen Generationen vorher sagten, das gehe nicht. Die Sklaverei. Den Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben. Die Erbprivilegien des Adels. Jedes Mal sagten manche: Das war immer so, das muss so sein. Und jedes Mal antworteten andere: Nein. Diese Regel hat keinen guten Grund, sie schadet Menschen, wir können sie ändern. Der Geburtsort als Schicksalsurteil ist eine solche Regel, und Regeln sind von Menschen gemacht, also auch von Menschen änderbar.
Du musst dafür kein großer Name sein. Du musst nur eine einzige Gewissheit loslassen: dass die Linie auf der Karte so natürlich ist wie ein Fluss oder ein Gebirge. Stell dir vor, das täten genug von uns. Du bist damit nicht allein. Das ist der Anfang von allem. Gleich geboren, es ist Zeit, dass daraus auch gleich willkommen wird.
Eine Welt ohne diese Sortierung ist möglich, sie ist nur noch nicht gewählt.