Vertiefung · 01 / 18

Du lebst nach Regeln, die du nie gewählt hast.

Viele Probleme, ein gemeinsamer Kern: warum so vieles in deinem Leben nach fremden Regeln läuft, wem das nützt, und wie es anders ginge.

5 Min. Lesezeit 8 Kapitel

01Ein ganz normaler Tag

Schau dir einen gewöhnlichen Dienstag an. Der Wecker klingelt zu einer Zeit, die nicht du bestimmt hast. Auf dem Weg zur Arbeit filmt dich eine Kamera, dein Handy meldet still deinen Standort weiter. Im Betrieb sagt dir jemand, was zu tun ist, jemand, der deine Arbeit oft selbst nie gemacht hat. Am Ersten war die Miete schon weg, bevor das Leben anfing. In den Nachrichten: ein Krieg, eine Grenze, an der Menschen sterben, die nichts getan haben, außer am falschen Ort geboren zu sein.

Abends, zu müde für das, was dir eigentlich wichtig ist, denkst du vielleicht: Das ist doch nicht fair! Und am Wahlsonntag, alle paar Jahre, machst du ein Kreuz, und spürst danach, dass sich an alldem nichts ändert.

Diese Gefühle gehören zusammen. Sie sind keine zufälligen Ärgernisse. Sie sind viele Fenster auf ein und denselben Raum.

Vom Wecker bis zum Schlafengehen: erstaunlich viel von deinem Tag hat jemand anderes entschieden.

02Der rote Faden: über dich wird bestimmt

Wenn man diese Probleme nebeneinanderlegt, tritt ein Muster hervor. Bei der Miete, bei der Arbeitszeit, beim Chef, bei den Grenzen, bei der Überwachung, bei der Strafe, immer entscheiden andere über das, was dein Leben trägt, und du trägst die Folgen. Mal heißt der andere Vermieter, mal Vorgesetzter, mal Behörde, mal Konzern. Die Rolle ist verschieden. Die Stellung ist dieselbe: oben wird entschieden, unten wird gelebt.

Das ist der Grund, warum sich so vieles gleich anfühlt, obwohl es um ganz verschiedene Dinge geht. Es ist nicht deine Einbildung, und es ist kein Charakterfehler. Es ist ein Muster, und Muster kann man erkennen.

Es ist immer dasselbe Muster: andere entscheiden, du trägst die Folgen.

03Zwei einfache Hebel

Hinter fast allem stecken zwei Hebel. Der erste heißt Eigentum: Wem gehört die Wohnung, der Boden, der Betrieb, das Kraftwerk? Wer das besitzt, verdient mit, an deiner Miete, an deiner Arbeit, an deiner Not, ohne selbst die Arbeit zu tun.

Der zweite heißt Befehl: Wer darf sagen, wo es langgeht? Der Chef, das Amt, die Grenze, das Strafgesetz. Nicht, weil er die Sache am besten kennt, sondern weil ihm die Stellung das Recht dazu gibt.

Miete, Lohnarbeit, Reichtum, Pflege als Geschäft, Energie in wenigen Händen, das hängt vor allem am ersten Hebel. Wahlen ohne Mitsprache, Gehorsam, Grenzen, Überwachung, Wegsperren, das hängt vor allem am zweiten. Fast jedes dieser Probleme lässt sich auf einen davon zurückführen. Oder auf beide.

Wem etwas gehört und wer befehlen darf, an diesen zwei Hebeln hängt fast alles.

04Es ist gemacht, nicht gewachsen

Das Tröstliche und das Unbequeme an dieser Einsicht ist dasselbe: Nichts davon ist Natur. Dass man mit dem Dach über fremden Köpfen Geld verdienen darf, dass Gesundheit ein Markt sein soll, dass Energie wenigen gehört, dass eine Linie auf der Karte über Leben entscheidet, das alles haben Menschen so eingerichtet. Es hätte anders eingerichtet werden können, und an vielen Orten und zu vielen Zeiten war es das auch.

Ein Naturgesetz braucht keine Vollstreckung. Es setzt sich von allein durch. Was aber Gesetze, Verträge, Zäune und Behörden braucht, um zu bestehen, ist keine Natur, es ist eine Entscheidung, die jeden Tag aufs Neue getroffen wird.

Kein Naturgesetz hält das alles zusammen. Nur Gewohnheit, und Interessen.

05Wem es nützt

Wenn etwas so bleibt, obwohl es so vielen schadet, lohnt eine nüchterne Frage: Wem nützt es? Steigende Mieten sind für die einen eine Last und für die anderen eine Wertsteigerung. Lange Arbeitszeiten kosten dich Lebenszeit und bringen anderen Gewinn. Das ist keine Verschwörung finsterer Männer in einem Hinterzimmer. Es ist schlichter und zäher: eine Ordnung, die den wenigen, die besitzen und bestimmen, verlässlich nützt, und die sich deshalb selbst am Leben hält.

Auch das ist keine Schuldzuweisung an einzelne Menschen. Die meisten, die in dieser Ordnung oben stehen, haben sie nicht erfunden. Aber sie haben wenig Grund, sie zu ändern. Den Grund haben die vielen, die unten leben, also die meisten von uns.

Im Gegenteil, sie schreiben die Regeln mit, die sie oben halten, und nennen das dann Vernunft. Wer Gesetze, Verträge und Behörden auf seiner Seite hat, muss niemanden überreden, es reicht, dass alles bleibt, wie es ist.

Frag bei allem nur eins: Wem nützt es, dass es so bleibt?

06„Aber braucht es nicht Ordnung?“

Hier kommt der ehrlichste Einwand, und er verdient eine ehrliche Antwort. Ohne Regeln Chaos, ohne Chefs Stillstand, ohne Strafe Gewalt, so lautet die Sorge. Aber sie verwechselt zwei Dinge, die nicht dasselbe sind: Ordnung und Herrschaft.

Ordnung heißt: Wir stimmen uns ab, weil es Sinn ergibt. Herrschaft heißt: Du tust es, weil dir sonst Schaden droht. Eine Fußballmannschaft hat Ordnung, ohne dass einer die anderen besitzt. Nachbarn räumen gemeinsam Schnee, ohne Befehl. Koordination braucht kein Oben und Unten. Sie braucht nur Menschen, die einander zuhören.

Und ja: Vor wirklich gefährlichen Menschen braucht es Schutz. Aber Schutz ist etwas anderes als Herrschaft über alle. Das Erste wollen wir behalten. Das Zweite können wir loslassen.

Ordnung und Herrschaft sind nicht dasselbe. Das eine wollen wir behalten, das andere können wir loslassen.

07Die eine, einfache Antwort

Wenn all diese Probleme einen gemeinsamen Kern haben, dann hat auch die Antwort einen gemeinsamen Kern. Er ist denkbar einfach: Menschen regeln die Dinge, die sie betreffen, gemeinsam, auf Augenhöhe, freiwillig, jederzeit widerrufbar, ohne dass einer dauerhaft über die anderen herrscht. Wer die Arbeit macht, gestaltet sie mit. Wer in einem Haus lebt, entscheidet über das Haus mit. Wer von einer Sache betroffen ist, redet bei ihr mit.

Dieser Gedanke ist alt und er bedeutet nicht Chaos, sondern das Gegenteil. Ordnung ohne Herren. Eine Welt, in der niemand geboren wird, um zu gehorchen, und niemand, um zu befehlen.

Eine Welt, in der niemand über die anderen herrscht, ist kein Chaos. Sie ist die vielleicht beste Idee, die wir haben.

08Es gibt das längst

Das Schönste daran: Es ist keine Erfindung, die noch bewiesen werden müsste. Es ist überall im Kleinen schon da. Wohnungsgenossenschaften, in denen die Bewohner selbst entscheiden. Betriebe in der Hand ihrer Belegschaft, die gewählte Leitungen auch wieder abwählen können. Freie Software, von Freiwilligen gebaut und von Milliarden genutzt, ohne Eigentümer an der Spitze. Nachbarschaften, die einander auffangen, bevor jemand fällt.

Sogar im Großen gibt es Vorbilder: Innerhalb der Europäischen Union bewegen sich rund 450 Millionen Menschen frei, ohne dass eine Grenze sie sortiert, etwas, das früher undenkbar schien. Saubere Energie ist heute oft billiger als die schmutzige; sie scheitert nicht an der Technik, sondern an der Frage, wem sie gehört. Das Material für eine andere Welt liegt bereit. Es muss nur in andere Hände.

Das Neue ist längst da, in Genossenschaften, Kollektiven, Nachbarschaften. Man muss es nur größer denken.

Viele Probleme, ein Gedanke: Über viel zu vieles in deinem Leben bestimmen andere, und das ist kein Schicksal, sondern eine Einrichtung, die Menschen gemacht haben und Menschen ändern können. Du musst dazu kein Held werden, keine Fahne tragen, keiner Partei beitreten. Es reicht, aufzuhören, das alles für normal zu halten, und anzufangen, die einfachste aller Fragen zu stellen: Warum eigentlich? Wer hat das entschieden? Und könnten wir es nicht gemeinsam besser machen?

Fang da an, wo du bist. Im Treppenhaus, im Betrieb, in der Nachbarschaft. Rede mit den Menschen neben dir, sie fühlen oft dasselbe und sagen es nur nicht laut. Aus geteiltem Frust wird gemeinsame Kraft. Und vielleicht ist genau das der Anfang der besten Idee, die wir haben.

Du lebst nach Regeln, die du nie gewählt hast. Es wird Zeit, mitzuschreiben.