Vertiefung · 02 / 18

Dein Lohn wird sofort besteuert; ihre Milliarden kaum.

Niemand wird durch Arbeit zum Milliardär, so viel kann ein Mensch gar nicht erarbeiten. Woher die größten Vermögen wirklich kommen, was sie mit unserer Mitbestimmung machen, und warum das kein Schicksal ist.

6 Min. Lesezeit 8 Kapitel

01Rechne es einmal nach

Eine Milliarde ist eine Zahl, die niemand mehr richtig fühlen kann. Tausend Euro kann man sich vorstellen. Eine Million schon kaum. Eine Milliarde ist tausend Millionen, und damit verlieren wir den Boden unter den Füßen.

Mach die Probe. Stell dir vor, du verdienst richtig gut: 5.000 Euro netto, Monat für Monat, und du gibst keinen einzigen Cent davon aus. Nach einem ganzen Arbeitsleben von vierzig Jahren hättest du etwa 2,4 Millionen Euro angespart.

Für eine einzige Milliarde müsstest du über 16.000 Jahre so weitermachen, ohne Urlaub, ohne Ausgaben, ohne Pause. Du hättest anfangen müssen, lange bevor Menschen den Ackerbau erfunden haben. Eine Milliarde ist eben kein großes Gehalt. Sie ist etwas völlig anderes.

Eine Milliarde ist kein großes Gehalt. Sie ist eine Zahl, die kein Mensch durch Arbeit erreichen kann.

02Woher das Geld wirklich kommt

Wenn niemand eine Milliarde erarbeiten kann, woher kommt sie dann? Die Antwort ist unbequem, aber einfach: nicht aus den eigenen Händen, sondern aus Besitz. Aus Firmen, Aktien, Boden und Rechten, die anderen gehören und für die man bezahlt.

Hinter jedem großen Vermögen steht die Arbeit vieler tausend Menschen. Sie stellen her, liefern aus, pflegen, programmieren, und ein Teil dessen, was sie erwirtschaften, landet am Ende verlässlich bei den wenigen, denen das Unternehmen gehört.

Ein erheblicher Teil der größten Vermögen ist nicht einmal selbst zusammengetragen, sondern geerbt. Anderes entstand dort, wo ein Unternehmen einen ganzen Markt beherrscht und die Preise diktieren kann. Mit dem Bild vom einsamen Genie, das aus dem Nichts etwas schafft, hat das wenig zu tun.

Niemand stemmt eine Milliarde allein. Man besitzt das, was viele andere erarbeiten.

03Der Mythos vom Selfmade

Über die Reichsten wird gern eine schöne Geschichte erzählt: Wer nur hart genug arbeitet und eine gute Idee hat, kann es schaffen. Die Milliardäre seien der lebende Beweis, dass das System fair ist und Leistung belohnt.

Doch wäre Reichtum wirklich der Lohn für Mühe, dann müssten die Pflegekräfte, die Paketboten, die Menschen am Bau und an der Kasse zu den Reichsten des Landes gehören. Sie arbeiten hart, oft bis zur Erschöpfung. Reich werden sie davon nicht.

Das heißt nicht, dass es kein Talent und keinen Fleiß gäbe. Aber was eine Milliardärin von einer Krankenschwester trennt, ist selten der größere Fleiß. Es ist, womit man startet: ererbtes Vermögen, die richtigen Verbindungen, das passende Land zur richtigen Zeit, und oft schlicht Glück.

Wäre Reichtum der Lohn für Mühe, wären die Pflegekräfte längst Milliardäre.

04Ein Mensch, eine Stimme, außer …

Jetzt zum eigentlichen Punkt. Das Problem ist nicht in erster Linie, dass jemand eine große Villa hat. Das Problem ist die Macht, die mit sehr viel Geld automatisch mitkommt.

Wer Zeitungen, Fernsehsender oder ein ganzes soziales Netzwerk kaufen kann, bestimmt mit, was Millionen Menschen jeden Tag sehen und für selbstverständlich halten. Wer ganze Heere von Lobbyisten bezahlt und Wahlkämpfe mitfinanziert, sitzt am Tisch, an dem über die Regeln entschieden wird, während die meisten draußen bleiben.

Auf dem Wahlzettel ist jede Stimme gleich viel wert. Beim wirklichen Einfluss ist sie das längst nicht mehr. Die Allerreichsten müssen keine Wahl gewinnen. Sie gestalten das Feld, auf dem die Wahl überhaupt stattfindet.

Auf dem Wahlzettel sind alle gleich. Beim Einfluss nicht einmal annähernd.

05Und die Steuern?

Es gibt einen Teil dieser Geschichte, der besonders schwer zu glauben ist: Gemessen an ihrem wachsenden Vermögen zahlen die Allerreichsten oft einen kleineren Anteil an Steuern als eine Krankenschwester auf ihren Lohn.

Das hat einen einfachen Grund. Von deinem Gehalt geht die Steuer jeden Monat automatisch ab, bevor du es überhaupt in der Hand hältst. Ein großes Vermögen aber wächst still weiter, Aktien und Firmenanteile steigen im Wert, und darauf wird oft jahrelang kaum etwas fällig, solange man nicht verkauft. Dazu kommen viele legale Wege, Gewinne kleinzurechnen oder in Länder zu verschieben, in denen kaum Steuern anfallen.

Das meiste davon ist nicht einmal verboten. Es ist genau so, wie die Regeln geschrieben sind. Und das ist der entscheidende Punkt: Regeln, die Menschen geschrieben haben, können Menschen auch anders schreiben.

Dein Lohn wird sofort besteuert. Ein Milliardenvermögen wächst oft fast steuerfrei.

06Es ist gemacht, nicht gewachsen

So viel Reichtum in so wenigen Händen wirkt wie ein Naturgesetz. Ist es aber nicht. Es ist das Ergebnis von Entscheidungen: wie hoch hohe Einkommen besteuert werden, wie wenig auf große Erbschaften, wie leicht ein Konzern den nächsten schlucken darf, wie viel Geheimhaltung erlaubt ist.

Dass es auch anders geht, ist keine Theorie. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren die höchsten Steuersätze in vielen Ländern weit höher als heute, und die Wirtschaft wuchs trotzdem kräftig, für viele Menschen sogar spürbarer als später. Vor allem aber ging es nie nur um die Zahlen, sondern darum, dass sich kein Vermögen so hoch türmt, dass es über alle anderen bestimmt.

Niemand hat per Volksabstimmung beschlossen, dass ein paar tausend Menschen mehr besitzen sollen als ganze Länder. Es hat sich eingeschlichen, Regel für Regel. Was sich eingeschlichen hat, lässt sich auch wieder zurückdrehen.

So viel Reichtum in so wenigen Händen ist kein Schicksal. Es ist eine Reihe von Regeln, und Regeln kann man ändern.

07Es geht nicht um Neid

An dieser Stelle kommt oft der Vorwurf: Das sei doch nur Neid. Lass uns das ernst nehmen, denn es ist wichtig. Es geht hier nicht darum, einzelne Menschen zu hassen oder ihnen etwas zu missgönnen.

Die meisten, die heute ganz oben stehen, haben dieses System nicht erfunden. Und niemand muss arm sein, damit es gerechter zugeht, im Gegenteil. Es geht nicht darum, dass einer ein schönes Haus hat.

Es geht darum, dass kein einzelner Mensch so viel Macht über alle anderen haben sollte, über ihre Nachrichten, ihre Löhne, ihre Politik, nur weil ihm sehr viel gehört. Das ist keine Frage des Neids. Das ist eine Frage der Augenhöhe.

Das Problem ist nicht, dass einer viel hat. Es ist, dass er damit über alle anderen bestimmen kann.

08Wie es anders ginge

Der erste Schritt ist naheliegend: Die ganz großen Vermögen lassen sich begrenzen und fair besteuern, damit sich kein Reichtum so hoch türmt, dass er der Allgemeinheit ihren Einfluss nimmt. Das lindert schon viel. Die tiefere Frage aber bleibt: Wem gehört eigentlich das, was alle brauchen?

Dass es auch anders geht, zeigt sich längst im Kleinen. Es gibt Betriebe, die denen gehören, die darin arbeiten, und die deshalb ordentlich verdienen. Es gibt Wohnungen in der Hand ihrer Bewohner, die deshalb bezahlbar bleiben, in Großstädten teils für sechs Euro den Quadratmeter. Wo mehr Menschen an dem beteiligt sind, was sie gemeinsam tragen, verteilt sich mit dem Eigentum auch der Nutzen wieder breiter.

Im großen Maßstab tragen solche Ansätze natürlich nur, wenn sich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ändern, und sie machen nicht über Nacht alle reich. Aber sie zeigen eine Richtung: Reichtum, der vielen dient, statt sich bei wenigen zu türmen. Das ist kein ferner Traum, sondern eine Frage von Regeln, an denen sich arbeiten lässt.

Reichtum, der vielen dient, statt sich bei wenigen zu türmen, ist kein ferner Traum, sondern eine Frage der Regeln.

Eine Milliarde ist kein Zeichen dafür, dass jemand tausendmal fleißiger war als du. Sie ist ein Zeichen dafür, wie schief die Regeln geworden sind, und wie viel Macht sich dort sammelt, wo sich so viel Geld sammelt. Das auszusprechen ist kein Neid. Es ist schlicht der Wunsch nach Augenhöhe.

Und es lässt sich ändern: dadurch, wie wir große Vermögen besteuern, was wir Konzernen erlauben, und dadurch, dass mehr Menschen an dem beteiligt werden, was sie täglich am Laufen halten.

Fang da an, wo du bist. Sprich mit den Menschen neben dir, die meisten ahnen längst, dass hier etwas nicht stimmt. Aus diesem Gefühl wird Kraft, sobald es geteilt wird.

Reich wird niemand allein, also sollte auch niemand allein bestimmen.