Vertiefung · 17 / 18

Du warst den ganzen Tag beschäftigt. Aber hast du was geschaffen?

Jeden Abend dasselbe Gefühl: viel getan, nichts geschaffen. Warum das so ist, und wer eigentlich entscheidet, womit du dein einziges Leben füllst.

7 Min. Lesezeit 8 Kapitel

01Das Gefühl, das fast alle kennen

Es gibt diesen Moment auf dem Heimweg. Der Tag war voll, Kalender, Posteingang, Kopf. Und trotzdem sitzt da diese Frage, leise und hartnäckig: Was habe ich heute eigentlich geschaffen? Oft kommt keine Antwort. Nur das vage Gefühl, dass der Tag irgendwo versickert ist, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Wer ein Brot bäckt, sieht am Abend ein Brot. Wer ein Kind durch den Tag begleitet, sieht ein Kind, das sich wohlfühlt. Das sind keine weltbewegenden Leistungen, aber es sind Ergebnisse. Sehr viele Menschen können das nicht mehr. Sie arbeiten in Systemen, die ihnen kein solches Zeichen zurückgeben.

Das Schlimmste daran ist nicht die Erschöpfung. Es ist der stille Verdacht, dass man selbst schuld ist, nicht effizient genug, nicht engagiert genug. So denkt man, wenn man das Unbehagen als persönliches Problem behandelt. Aber was, wenn Millionen Menschen genau dasselbe fühlen?

Beschäftigt sein und etwas schaffen sind zwei grundverschiedene Dinge. Wir haben gelernt, das eine fürs andere zu halten, und zahlen dafür mit unserer Lebenszeit.

02Was die Leute selbst sagen, und was die Zahlen belegen

Im Jahr 2015 befragte das Meinungsforschungsinstitut YouGov mehrere tausend Berufstätige in Großbritannien, ob der eigene Job einen sinnvollen Beitrag zur Welt leiste. 37 Prozent verneinten das. Bei einer ähnlichen Erhebung rund neun Jahre später lag der Wert mit etwa einem Drittel praktisch unverändert hoch.

Eine weltweite Studie zu Engagement am Arbeitsplatz stellte für 2024 fest, dass sich nur rund 21 Prozent der Beschäftigten wirklich eingebunden fühlen. Die große Mehrheit macht innerlich Dienst nach Vorschrift. Das ist keine Messung von Sinnlosigkeit, aber ein Hinweis darauf, wie viele Menschen sich von ihrer Arbeit entfremdet fühlen.

Diese Befunde kommen nicht von Aktivisten, sondern von ganz normalen Beschäftigten, die anonym Auskunft geben. Ein Drittel ist kein Randphänomen, das ist ein strukturelles Muster. Und strukturelle Muster haben Ursachen, die man benennen kann.

Etwa jeder Dritte sagt: Meine Arbeit trägt nichts Bedeutungsvolles zur Welt bei. Das ist kein persönlicher Makel. Das ist eine gesellschaftliche Antwort.

03Ein Name für etwas, das viele spüren, und was dahintersteckt

Manchmal braucht etwas, das viele spüren, einen Namen, damit es sagbar wird. 2013 prägte ein amerikanischer Forscher den Begriff für Jobs, die selbst die Leute, die sie besetzen, insgeheim für überflüssig halten: Stellen, die existieren, ohne dass jemand ehrlich sagen könnte, warum. Berichte über Berichte schreiben. Präsentationen aufbereiten, die niemand liest. Formulare in andere Formulare übertragen.

Die Schätzung, dass es zwanzig bis fünfzig Prozent aller Jobs sein könnten, war eine ausdrückliche Vermutung, keine belegte Quote. Eine europäische Studie aus dem Jahr 2021 kommt mit repräsentativen Daten zu deutlich kleineren Zahlen: Der Anteil derer, die ihre Arbeit ausdrücklich als nutzlos erleben, lag bei rund 4,8 Prozent, und ist eher gesunken als gestiegen. Das muss man nennen.

Aber dieselbe Studie gibt keine Entwarnung. Ihr Befund: Das Gefühl der Sinnlosigkeit kommt weniger aus wirklich überflüssigen Jobs als aus Entfremdung, aus fehlender Mitsprache, schlechter Führung, der schlichten Tatsache, dass man nicht mitbestimmen darf, wofür man arbeitet. Das ist keine Auflösung des Problems, nur seine Verschiebung.

Ob die Arbeit wirklich überflüssig ist oder ob sie sich so anfühlt, weil niemand uns gefragt hat, für das gelebte Leben macht das kaum einen Unterschied.

04Kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung über Macht

Sinnlos erlebte Arbeit fällt nicht vom Himmel. Sie folgt aus einer konkreten Entscheidung darüber, wie wir Arbeit organisieren: Wenige bestimmen, was ein Betrieb tut, wie und warum. Die Mehrheit verkauft ihre Zeit und redet beim Inhalt nicht mit. Wer nicht mitbestimmen darf, ob etwas Sinn ergibt, kann auch nicht verhindern, dass Sinnloses entsteht.

In großen Organisationen wird zudem Größe mit Wichtigkeit verwechselt. Wer viele Menschen unter sich hat, in vielen Terminen sitzt, viele Berichte bekommt und schickt, gilt als bedeutend. Ob das, was die Organisation tut, irgendjemandem nützt, ist für den Status innerhalb der Hierarchie oft zweitrangig.

Kontrolle kostet Arbeit. Es braucht Leute, die andere kontrollieren, Leute, die die Ergebnisse aufbereiten, Leute, die genehmigen, und Meetings, um abzustimmen, und Protokolle, um die Meetings zu dokumentieren. Ein großer Teil dessen, was als Arbeit gilt, ist der Aufwand, damit einige wenige die Kontrolle über viele behalten.

Auch Kontrolle kostet Arbeit. Ein guter Teil dessen, was wir Arbeit nennen, ist der Aufwand, damit wenige den Überblick über viele behalten.

05Wem nützt der Leerlauf?

Sinnlose Arbeit hält sich nicht zufällig. Eine große Abteilung unter sich zu haben erhöht den Status dessen, der sie leitet, unabhängig davon, was sie produziert. Kaum jemand verkleinert freiwillig die eigene Abteilung. Und für viele Beschäftigte selbst ist der überflüssige Job das kleinere Übel: Bezahlte Langeweile ist besser als keine Bezahlung, eine vernünftige Reaktion auf eine unvernünftige Lage.

Dazu kommt eine bittere Pointe: Gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit, pflegen, erziehen, reparieren, ernten, wird in der Regel schlecht bezahlt. Manche der bestbezahlten Tätigkeiten hingegen würden, fielen sie morgen weg, von den wenigsten vermisst. Das ist nicht das Ergebnis einer vernünftigen Bewertung gesellschaftlicher Nützlichkeit, sondern von Verhandlungsmacht und Marktposition.

Niemand hat das so entworfen. Es gibt keine geheime Runde, die beschlossen hätte, die Menschen mit sinnloser Beschäftigung ruhigzustellen. Was es gibt, sind Anreize und Strukturen, die bestimmte Ergebnisse begünstigen, dieses eben auch. Systemeffekte sind real, auch wenn niemand sie beabsichtigt hat.

Die, die wir am meisten brauchen, bekommen oft am wenigsten. Die, die niemand vermissen würde, oft am meisten. Etwas an dieser Reihenfolge stimmt nicht.

06Was uns das wirklich kostet

Der offensichtlichste Preis ist Zeit, nicht abstrakt, sondern konkret: Lebensjahre. Wer vierzig Stunden pro Woche arbeitet und dreißig Jahre lang beschäftigt ist, gibt der Erwerbsarbeit deutlich über fünfzigtausend Stunden seines Lebens. Wurde ein erheblicher Teil davon für etwas verwendet, das die Person selbst für überflüssig hielt, ist das ein Stück Leben.

Der zweite Preis ist Würde. Es zermürbt, dauerhaft so zu tun als ob, Ergebnisse zu präsentieren, die keine sind, in Meetings zu sitzen, die keinen Unterschied machen. Menschen, die lange Sinnloses ausführen müssen, berichten oft nicht von Gleichgültigkeit, sondern von etwas Schlimmerem: dem Gefühl, unsichtbar zu sein.

Und es gibt einen gesellschaftlichen Preis: Fähigkeiten, Energie, Erfindungsgeist von Millionen fließen täglich in Tätigkeiten, von denen ein Teil niemandem nützt. Gleichzeitig ist die Pflege alter Menschen vielerorts unterbesetzt, Infrastruktur verfällt, die Arbeit am Klimaschutz geht zu langsam voran. Genug Menschen wären da, wenn sie täten, was gebraucht wird.

Wer acht Stunden ins Nirgendwo gearbeitet hat, ist genauso erschöpft wie jemand, der etwas geschaffen hat. Nur fehlt das, worauf man zeigen kann.

07Die Frage, die selten gestellt wird

Es gibt eine Frage, die in kaum einer Teambesprechung wirklich gestellt wird: Brauchen wir das überhaupt? Nicht als Provokation, sondern als ehrliche, sachliche Frage. Sie stellt sich nicht, weil die Leute, die sie stellen müssten, sie oft nicht dürfen. Oder weil das Eingeständnis, monatelang an etwas gearbeitet zu haben, das niemand braucht, zu unangenehm wäre.

Im Kern ist das ein nüchterner Vorschlag: diese Frage nicht länger von oben beantworten zu lassen, sondern von denen, die die Arbeit tun und wissen, ob ein Prozess Sinn ergibt. Eine schlichte Verschiebung von Entscheidungsmacht, hin zu denen, die die Arbeit tun, auf Augenhöhe, ohne dauerhafte Herrschaft von oben. Sobald Menschen gemeinsam und gleichberechtigt entscheiden, stellt sich die Frage fast von selbst, weil niemand für eine Tätigkeit stimmt, die er selbst für überflüssig hält, wenn er wirklich die Wahl hat.

Das klingt utopisch, ist es aber nicht. Selbstverwaltete Betriebe und Genossenschaften gibt es real, seit langem und in vielen Ländern. Das freie Wissensportal Wikipedia wird von Freiwilligen gebaut und gehört zu den umfangreichsten Wissenssammlungen, die je entstanden sind. Viele Werkzeuge, auf denen das Internet läuft, sind offen entwickelt, von Menschen, die gemeinsam entschieden haben, was nötig ist, ohne dass jemand von oben die Richtung vorgab. Es hat sich schlicht als funktionierend herausgestellt.

Was passiert, wenn Menschen gemeinsam fragen: Brauchen wir das überhaupt? Vieles Sinnlose löst sich auf, nicht verboten, sondern schlicht nicht mehr beschlossen.

08Gerechte Einwände, und ehrliche Antworten

"Ohne feste Leitung macht keiner die unangenehme Arbeit." Der Einwand beruht auf einer echten Erfahrung. Aber in selbstverwalteten Strukturen fallen notwendige, ungeliebte Aufgaben nicht weg, sie werden geteilt, rotiert, oder die Gruppe verbessert die Bedingungen dafür. Was wegfällt, ist die erfundene Arbeit, nicht die nötige.

"Mitbestimmung bedeutet endlose Diskussionen." Das hat einen Kern Wahrheit: Aushandlung kostet Zeit. Aber wie viel Zeit kostet das aktuelle System? Abstimmungsschleifen durch mehrere Hierarchieebenen, Freigaben, die liegen bleiben, Berichte, die nur existieren, damit der Vorgesetzte sich informiert fühlt. All das kostet massiv Zeit, nur unsichtbar, weil es als normal gilt. Die Frage ist nicht, ob Koordination Zeit kostet, sondern wofür.

Und ja: Selbstverwaltung ist kein Versprechen auf Glück. Auch dort gibt es Streit und Fehler, und wer lauter ist, redet manchmal öfter, auch ohne formalen Auftrag. Das ist eine echte Gefahr, die man nicht wegzulächeln sollte; es gibt Methoden dagegen, von festen Rederunden bis zu rotierenden Funktionen. Der entscheidende Unterschied bleibt: Die Beteiligten haben das Ergebnis selbst in der Hand und müssen niemanden fragen, der weit weg sitzt und ihre Situation nicht kennt.

Selbstverwaltung ist kein Versprechen auf Glück. Aber der Unterschied ist echt: Die Beteiligten haben das Ergebnis selbst in der Hand, und können es ändern.

Kein Mensch sollte sein einziges Leben überwiegend mit Arbeit verbringen müssen, die er selbst für überflüssig hält. Das klingt nach einer hohen Forderung. In Wirklichkeit ist es das Mindeste, lediglich der Anschluss an das, was Menschen sich selbst sagen, wenn sie ehrlich sind: Ich möchte, dass meine Zeit etwas zählt.

Die gute Nachricht steckt im Problem. Wenn so viel Arbeit tatsächlich überflüssig erlebt wird, ist gleichzeitig enorm viel menschliche Kraft frei, frei für das, was wirklich gebraucht wird. Für die Pflege, die fehlt. Für die Infrastruktur, die verfällt. Für die Aufgaben, bei denen man abends weiß: Das war nötig.

Der erste Schritt kostet nichts: die Frage "Wer hat eigentlich entschieden, dass das so sein muss?" nicht mehr für naiv zu halten. Und festzustellen, dass die Antwort fast nie lautet "die Natur der Dinge", sondern: bestimmte Menschen, mit bestimmten Interessen, in einer bestimmten Lage. Das lässt sich verändern. Das wurde schon verändert. Das wird wieder verändert werden.

Arbeit, die sich lohnt, für alle, die sie tun.