01Ein ganz normaler Schultag
Es klingelt, und alle setzen sich. Du meldest dich, wenn du etwas sagen willst. Du fragst, ob du auf die Toilette darfst, mit fünfzehn, mit sechzehn. Du sitzt still, sechs, sieben Stunden, und stehst auf, wenn es klingelt, nicht, wenn du fertig bist.
Das kommt dir normal vor, weil du es seit der ersten Klasse so kennst. Aber halt einen Moment inne: An welchem anderen Ort im Leben musst du um Erlaubnis bitten, deinen eigenen Körper zu versorgen? Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Übung, vielleicht die erste darin, dass andere über deinen Tag bestimmen und du dich daran gewöhnst.
Du fragst, ob du auf die Toilette darfst. Mit sechzehn. Das ist keine Kleinigkeit, es ist eine Übung.
02Nicht nur Bildung, auch Sortieren und Stillsitzen
Schule bringt dir viel bei, Lesen, Rechnen, manchmal echte Begeisterung. Das ist wertvoll, und niemand soll es kleinreden. Aber daneben läuft etwas Zweites mit, über das selten gesprochen wird: stillsitzen, tun, was angesagt wird, auch wenn es keinen Sinn ergibt, und sich daran gewöhnen, dass eine Glocke über deinen Tag bestimmt.
Dieses Zweite ist kein Versehen. Eine Welt, die später viele Menschen braucht, die acht Stunden tun, was andere anordnen, fängt früh an, das einzuüben. Stillhalten wird belohnt, Aufmucken bestraft.
Schule lehrt Lesen und Rechnen. Daneben übt sie etwas Zweites: zu tun, was angesagt wird, auch ohne Sinn.
03Die Note misst nicht dein Können, sondern dein Mitmachen
Eine Ziffer soll sagen, was du wert bist. Aber eine Note misst selten, ob du etwas wirklich verstanden hast oder neugierig geworden bist. Sie misst oft, wie gut du dich anpasst: ob du das Erwartete zur erwarteten Zeit im erwarteten Format lieferst.
Und sie ordnet dich ein, von oben nach unten, neben den anderen. Schon als Kind lernst du so, dass Menschen sich ranken lassen und dass dein Platz in der Reihe etwas über dich aussagt. Das tut er nicht. Aber das Gefühl bleibt oft ein Leben lang.
Eine Note misst selten, ob du etwas verstanden hast. Oft misst sie, wie gut du dich fügst.
04Wer bestimmt, was wichtig ist, und wozu
Wer hat eigentlich entschieden, was du zwölf Jahre lang lernen sollst und was nicht? Nicht du, und oft nicht einmal deine Lehrerin im Klassenzimmer. Lehrpläne werden weit oben gemacht. Über das, was deinen Kopf füllt, bestimmen Leute, die du nie triffst.
Manches davon ist sinnvoll. Aber die Frage bleibt: Warum lernst du selten, wie man Mietverträge, Konflikte, das eigene Geld oder die eigenen Rechte versteht, und erst recht nicht, wer in dieser Gesellschaft worüber bestimmt, dafür aber vieles, das du nie wieder brauchst? Was gelehrt wird, ist eine Entscheidung, und Entscheidungen treffen welche, zu wessen Nutzen.
Über das, was zwölf Jahre lang deinen Kopf füllt, bestimmen Leute, die du nie triffst.
05Wem das nützt
Frag wieder nüchtern: Wem nützt eine Schule, die vor allem Mitmachen, Stillsitzen und Ranking übt? Nicht in erster Linie dir. Sondern einer Ordnung, die später Menschen braucht, die Anweisungen befolgen, ihren Platz akzeptieren und nicht zu viel fragen.
Das heißt nicht, dass deine Lehrer böse sind. Die meisten meinen es gut und stecken selbst fest, mit zu großen Klassen und zu wenig Zeit. Es ist kein Plan einzelner Menschen. Es ist eine Form, die sich hält, weil sie bestimmten Interessen dient, nicht weil sie das Lernen am besten fördert.
Wem nützt eine Schule, die vor allem Stillsitzen und Ranking übt? Nicht in erster Linie dir.
06Aber braucht es nicht Regeln und Struktur?
Natürlich. Kinder brauchen Verlässlichkeit, und gemeinsam lernen geht nicht ganz ohne Absprachen. Aber Struktur und Gehorsam sind nicht dasselbe. Eine Regel, die man versteht und mitbestimmt, trägt anders als ein Befehl, den man nur befolgt.
Der Unterschied ist nicht Chaos gegen Ordnung. Es ist Ordnung von oben gegen Ordnung auf Augenhöhe.
Struktur und Gehorsam sind nicht dasselbe. Der Unterschied ist Ordnung von oben gegen Ordnung auf Augenhöhe.
07Es geht anders, und das ist keine Träumerei
Es gibt Schulen, in denen Kinder mitbestimmen, was und wie sie lernen, in denen Regeln gemeinsam gemacht und wieder geändert werden, in denen niemand nur stillsitzt und abnickt. Sie existieren seit Jahrzehnten, und die Kinder dort verlernen das Lernen nicht, im Gegenteil.
Lernen aus Neugier, miteinander, ohne ständiges Ranking, fühlt sich nicht wie Befolgen an. Es fühlt sich an wie deins. Das ist kein Luxus für wenige, sondern eine Frage, wie wir das Lernen einrichten.
Lernen aus Neugier, ohne ständiges Ranking, fühlt sich nicht wie Befolgen an. Es fühlt sich an wie deins.
Du bist nicht schlecht in der Schule, wenn du dich dort manchmal fremd fühlst. Vielleicht spürst du nur, dass ein Teil davon nicht dem Lernen dient, sondern dem Gehorchen.
Niemand ist geboren, um zu gehorchen, auch kein Kind. Und was Menschen eingerichtet haben, können Menschen auch anders einrichten. Du bist mit diesem Gedanken nicht allein.
Lernen könnte sich frei anfühlen, nicht wie Befolgen.