Vertiefung · 09 / 18

Der Feed will nicht dein Bestes. Er will deine Zeit.

Du nimmst das Handy in die Hand, um kurz etwas nachzusehen, und eine halbe Stunde ist weg. Das ist kein Zufall und nicht deine Schwäche. Es ist gebaut.

3 Min. Lesezeit 7 Kapitel

01Kurz aufs Handy, eine halbe Stunde weg

Du wolltest nur schnell etwas checken. Dann ein Video, noch eins, ein Kommentar, und plötzlich ist eine halbe Stunde vorbei, und du weißt nicht mehr genau, was du eigentlich gesehen hast.

Du kennst das, fast alle kennen das. Und du denkst vielleicht, dir fehle Selbstdisziplin. Aber dagegen kämpfst du nicht mit Willenskraft allein. Du kämpfst gegen etwas, das von sehr klugen Leuten genau dafür gebaut wurde, dich zu halten.

Du denkst, dir fehlt Selbstdisziplin. In Wahrheit kämpfst du gegen etwas, das gebaut wurde, dich zu halten.

02Der Feed ist gebaut, dich zu halten

Eine App verdient, solange du dranbleibst. Also ist alles darauf ausgelegt: das endlose Weiterscrollen, die Benachrichtigung im richtigen Moment, das nächste Video, das startet, bevor du gehen kannst. Nicht, weil es dir guttut, sondern weil deine Zeit das Produkt ist.

Das ist kein Vorwurf an dich. Es wäre seltsam, sich schlecht zu fühlen, weil man an etwas hängenbleibt, das genau dafür gebaut wurde.

Deine Zeit ist das Produkt. Alles am Feed ist darauf gebaut, dich länger zu halten.

03Kostenlos heißt: du bist die Ware

Die meisten dieser Apps kosten kein Geld. Trotzdem verdienen sie sehr viel. Wie? Sie verkaufen dich, genauer: deine Aufmerksamkeit und vieles, was sie über dich wissen, an Leute, die dir etwas verkaufen oder dich überzeugen wollen.

Wenn du für etwas nichts bezahlst, bist du meistens nicht der Kunde. Dann bist du das, was verkauft wird.

Wenn etwas kostenlos ist, bist meistens du die Ware.

04Likes, und der Selbstzweifel, der sich verkauft

Es fühlt sich gut an, wenn ein Beitrag gut läuft, und leer, wenn nicht. Nach und nach hängt das Bild von dir selbst an Zahlen, die andere dir geben. Das ist kein Zufall: Eine leise Unsicherheit hält dich am Schauen, am Vergleichen, am Posten.

Dieselben Plattformen, die dir das Gefühl geben, nicht genug zu sein, zeigen dir dann, was du kaufen oder sein sollst, um genug zu sein. Sie verkaufen dir die Lösung für ein Problem, das sie mit erzeugen. Dein Wert hängt nicht an diesen Zahlen, egal wie laut sie tun.

Sie geben dir das Gefühl, nicht genug zu sein, und verkaufen dir dann die Lösung dafür.

05Wenige entscheiden, was Millionen sehen

Was in deinem Feed oben steht, entscheidest nicht du. Das entscheidet ein Programm, das wenigen großen Konzernen gehört. Sie bestimmen mit, was Millionen Menschen täglich sehen, was groß wird und was verschwindet, und damit ein Stück weit, was als normal, wichtig oder wahr gilt.

Das ist viel Macht in sehr wenigen Händen, Macht, die niemand gewählt hat und niemand abwählen kann. Es geht nicht nur um vergeudete Zeit. Es geht darum, wer den Blick auf die Welt mitformt.

Was Millionen täglich sehen, entscheidet ein Programm, das wenigen Konzernen gehört. Dich hat niemand gefragt.

06Aber dann nutz es halt weniger?

Klar, bewusster Umgang hilft, und niemand muss sich für jede Minute schämen. Aber „streng dich halt mehr an“ schiebt das Problem allein auf dich, dabei sitzt auf der anderen Seite eine ganze Industrie, die dafür bezahlt wird, deine Vorsätze auszuhebeln.

Die Frage ist nicht nur, ob deine Willenskraft reicht. Die Frage ist, warum es erlaubt ist, Dinge zu bauen, die gezielt deine Schwächen ausnutzen, und wem das nützt.

Es geht nicht nur darum, ob du stark genug bist, sondern warum jemand so etwas bauen darf.

07Es geht anders

Es gibt Orte im Netz, die Menschen selbst betreiben, ohne dass jemand an deiner Unruhe verdient: kleine Gemeinschaften, geteilte Räume, Werkzeuge von Freiwilligen gebaut. Da entscheidet nicht ein Konzern, sondern die, die sie nutzen.

Ein Netz muss nicht so sein, dass wenige daran verdienen, dass du dich schlechter fühlst. Es könnte ein Ort sein, an dem Menschen sich auf Augenhöhe begegnen. Das ist keine Träumerei, es gibt das längst im Kleinen.

Ein Netz muss nicht so gebaut sein, dass wenige daran verdienen, dass du dich schlecht fühlst.

Wenn du das Handy weglegst und dich leer fühlst, liegt das nicht an dir. Es liegt an etwas, das gebaut wurde, dich genau so fühlen zu lassen, damit du wiederkommst.

Dein Wert hängt nicht an Likes, und deine Zeit gehört dir. Räume, die uns gehören, statt denen, die an uns verdienen, sind möglich. Du bist mit diesem Gedanken nicht allein.

Dein Wert hängt nicht an Zahlen, die dir andere geben.