Vertiefung · 10 / 18

Man sagt, dir gehört die Zukunft. Wem gehört sie wirklich?

Du sollst etwas aus dir machen. Aber in dieser Welt wird über das meiste, was deine Zukunft bestimmt, ohne dich entschieden.

4 Min. Lesezeit 7 Kapitel

01Das Gefühl, zu spät dran zu sein

Vielleicht kennst du das Gefühl, dass alle wichtigen Dinge schon entschieden sind, bevor du mitreden darfst. Das Klima ist längst aus dem Gleichgewicht geraten, der Wohnungsmarkt ist kaputt, sichere Jobs gibt es kaum noch, und trotzdem verlangt man von dir Zuversicht und dass du etwas aus dir machst.

Das ist keine bloße Alltagsdepression und keine Faulheit. Sehr viele junge Menschen spüren dasselbe. Und wenn so viele ein Problem sehen, das sie vielleicht bloß noch nicht zu fassen kriegen, dann ist das kein persönliches Problem, sondern ein Hinweis auf etwas Größeres.

Du sollst etwas aus dir machen. Aber in welcher Welt?

02Über deinen Kopf hinweg entschieden

Über deine Zukunft entscheiden gerade Menschen, die die Folgen ihrer Gesetze und Investitionen nicht mehr erleben werden. Du aber schon: Klima, Mieten, Löhne und Schulden setzen die Leitlinien deines Lebensentwurfs. Gefragt hat dich niemand, und bist du zu jung, darfst du nicht einmal an den alljährlichen Wahlen teilnehmen.

Die Situation ist unlogisch: Du und deine Generation tragen am längsten an den Folgen, doch du hast darauf keinen Einfluss. Das ist kein Naturgesetz, es ist so eingerichtet.

Das ist kein Naturgesetz, es ist so eingerichtet.

03Resignation ist bequem. Nur nicht für dich.

Dass man ohnehin nichts ändern kann, fühlt sich an wie eine nüchterne und vielleicht sogar bequeme Einsicht. In Wahrheit ist sie nur bequem für alle, die ein Interesse daran haben, dass deine Zukunft so lange wie möglich in ihren Händen liegt. Solange du im Glauben lebst, dass sich dein Widerspruch nicht lohnt, muss dich niemand aufhalten, muss dir niemand zuhören und muss sich niemand nach deinen Wünschen richten.

Daher ist Hoffnungslosigkeit kein Zufall und keine Schwäche. Sie nützt denen, die von der Art und Weise profitieren, wie die Gesellschaft funktioniert. Nichts hält Macht so sicher wie die Überzeugung der Vielen, dass sich nichts ändern lässt.

Nichts hält Macht so sicher wie die Überzeugung der Vielen, dass sich nichts ändern lässt.

04„Mach was aus dir“ als Ablenkung

Das ist es auch, weshalb sie dir sagen: sei fleißig, sei flexibel, sei belastbar, dann findest du deinen Platz. Ein bisschen davon stimmt. Aber es bedeutet auch, dass man alle Last für dein Wohlbefinden auf deine Schultern legt. Du wirst zum Einzelkämpfer in einem Konkurrenzkampf mit vielen Verlierern und ganz wenigen Gewinnern. So oder so kannst du dich kaum bewegen, bei all den Pflichten, all der Enthaltsamkeit und den Erwartungen. Und wenn eine ganze Generation diese Mauern spürt, ist das keine Frage der richtigen inneren Haltung.

Niemand kann sich allein aus den steigenden Mieten, dem kollabierenden Klima oder aus dem jetzt schon höllischen Arbeitsmarkt hinaus optimieren. Das wäre, als sollte jeder für sich gegen den Regen ankämpfen, anstatt gemeinsam ein Dach zu bauen.

Das wäre, als sollte jeder für sich gegen den Regen ankämpfen, anstatt gemeinsam ein Dach zu bauen.

05Wem die Zukunft wirklich gehört

„Dir gehört die Zukunft“, sagen sie. Aber das ist ein Hohn. Denn wem gehört sie wirklich? Wer entscheidet, was gebaut wird, was bleibt, wohin unser Geld fließt? Die Zukunft gehört denen, die bereits die Herren der Gegenwart sind.

Solange aber einige wenige über das bestimmen, was alle zum Leben brauchen, Böden, Wohnen, Energie, Arbeit, bleibt deine Zukunft nur ein Modell von der Stange, das andere für dich verwalten. Die Frage ist nicht, ob du genug aus dir machst. Die Frage ist, wer bestimmt, was du aus dir machen kannst. Dass die Entscheidung über das Leben vieler bei wenigen liegt, ist keine natürliche Ordnung. Es ist eine umfassende Form von Herrschaft. Herrschaft aber lässt sich anfechten und sogar abschaffen.

Die Frage ist nicht, ob du genug aus dir machst. Die Frage ist, wer bestimmt, was du aus dir machen kannst.

06Und wenn deine Sorgen übertrieben sind?

Vielleicht kennst du den Satz: Früher war auch nicht alles leicht, stell dich nicht so an. Da ist etwas dran, hart war es oft. Aber „stell dich nicht so an“ ist kein Argument, sondern eine Parole, um unbequeme Fragen verstummen zu lassen. Eine Miete, die niemand zahlen kann, wird nicht schrumpfen, weil man sie tapfer trägt.

Ernst genommen werden zu wollen ist keine Anmaßung. Es ist der erste Schritt zu einem würdigen Leben.

„Stell dich nicht so an“ ist kein Argument, sondern eine Parole, um unbequeme Fragen verstummen zu lassen.

07Es geht anders, gemeinsam

Zukunft ist kein Preis, den man überreicht bekommt. Zukunft nach unseren Wünschen entsteht da, wo Menschen sich zusammentun und Dinge selbst in die Hand nehmen, in Nachbarschaften, Gruppen und Projekten, in denen auf Augenhöhe entschieden wird. Junge Menschen haben das zu allen Zeiten getan und damit immer wieder in Bewegung gesetzt, was als unverrückbar galt.

Du musst die Zukunft nicht allein retten. Aber du kannst ein Faden in einem Netz sein, das die Zukunft tragen kann, gemeinsam mit allen, die genug davon haben, passiv zu sein, abzuwarten und bis zur Erschöpfung für den Profit eines anderen zu arbeiten.

Zukunft wird dir nicht gegeben. Aber wir können sie uns gemeinsam nehmen.

Wenn dich der Blick nach vorn manchmal lähmt, liegt das nicht an deinem Charakter. Es liegt an einer Lage, die du nicht gewählt hast, und an der Erzählung, du müsstest sie allein tragen.

Nichts daran ist wahr. Über alles, was wir brauchen, über unsere Vorstellungen und Entwürfe für eine lebenswerte Zukunft, lässt sich gemeinsam entscheiden, ohne dass einer über andere bestimmt. Wenn du diesen Weg mit anderen gehst, wirst du nie wirklich allein sein.

Zukunft ist nichts, was man dir gibt, sondern was viele gemeinsam nehmen.